»O Spiegelgeschöpfe«,
sprach Alice, »herbei!«
Aus »Alice hinter den Spiegeln« von Lewis Carroll

Spiegelwelten

In einem Spiegel behält das reflektierte Licht physikalisch seine Parallelität.
So entsteht ein wahrheitsgetreues, unverzerrtes Abbild.

Doch welche Seite der »Spiegelwelt« ist die Reale?
Meist ist dies nicht sofort ersichtlich – es steht ein ganz neues Motiv im Vordergrund und erst durch längeres Betrachten kann man das ursprüngliche Bild erkennen. Die sich aus der Spiegelung neu ergebenden Perspektiven, Formen, Muster und Ansichten sowie das Panoramaformat bieten Raum für Interpretation und Fantasie.

Ausstellung

10. – 24. Januar 2015 im UHLAND ATELIER, Mannheim

Ausstellung im Uhland Atelier

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Laudatio des Mannheimer Künstlers »Buschwerk« zur Vernissage am 10. Januar 2015 im Uhland Atelier

Spiegelwelten trifft es auf den Punkt! Denn hier dreht sich alles von Anfang bis Ende - ja sogar noch darüber hinaus - um Spiegelungen. Zunächst einmal ist jede Fotografie bereits an sich die Spiegelung eines Teilausschnittes der Wirklichkeit. Diese Spiegelbilder sind vom Künstler ein weiteres Mal gespiegelt worden und die entstandenen Arbeiten scheinen einander auch ein Stück weit zu spiegeln. Etwa die Bilder „Bull River“ und „Odilienberg“, die trotz der Unterschiedlichkeit des ursprünglichen Motivs so viele Gemeinsamkeiten aufweisen, dass sie schon sehr nahe an einer Spiegelung dran sind. Oder aber – wenn wir die beiden Wendeltreppen-Bilder anschauen - die bei flüchtiger Betrachtung das Negativ des anderen sein könnten.

Die übergreifende Ästhetik der Bilder stellt ebenfalls einen Spiegel dar. Die Ausbildung zum Bauzeichner und die Arbeit als Grafik-Designer, treten in der Ästhetik der Bilder für meine Begriffe klar zum Vorschein. Doch damit nicht genug. In der Betrachtung der Bilder vollzieht sich die nächste Spiegelung, nämlich die des Betrachters. Es ist schier unmöglich, ein Bild zu betrachten, ohne sich eine Meinung zu bilden, im Sinne einer ästhetischen Bewertung und einer Interpretation des Gesehenen. Diese Meinungsbildung ist eine Spiegelung, die oft mehr über den Betrachter als über das Bild selbst aussagt. Insofern halten uns die Bilder einen Spiegel vor. Das Phänomen der Spiegelungen zieht sich sogar bis in die Zukunft und über diesen Raum hier hinaus, denn wenn Sie später woanders von der Ausstellung berichten werden, dann wird das nichts anderes sein als eine verbale Spiegelung des Gesehenen und Erlebten. Es ist fast bedauerlich, dass die Bilder nicht hinter Glas ausgestellt werden, da dies noch einmal einen weiteren Spiegelungseffekt gebracht hätte.

Die Art und Weise, wie Fotografie heute verwendet wird ist selbst auch ein Spiegel der Gesellschaft. Das Phänomen des sogenannten „Selfies“ sagt sicher viel über unsere heutige Gesellschaft aus. Ebenso wie die inflationäre Bilderflut durch Fotohandys, Facebook, Instagram usw. Heute glaubt jeder fotografieren zu können und so war eine der ersten Fragen, die ich mir beim Betrachten der Bilder gestellt habe, warum ich hier nicht nur Fotoarbeiten, sondern Kunst sehe? Nun ist Kunst leider wie das Betrachten eines Spiegelbildes: Nämlich Ansichtssache. Nicht umsonst antworte ich auf die Frage „Was ist Kunst?“ gerne mit „Eine Frage! Und ich hoffe es bleibt auch eine, denn eine definitive Antwort würde Museen zwingen, große Teile ihres Bestandes auf den Sperrmüll zu werfen.“ .

Trotzdem habe ich als Künstler und als leidenschaftlicher Betrachter von Kunst natürlich ein paar Parameter aufgestellt, an denen ich „Kunst“ festmache. Ein wichtiger Parameter - und den sehe ich hier voll erfüllt - ist Folgender: Kunst wirft mindestens ebenso viele Fragen auf, wie sie Antworten gibt und löst hiermit einen Denkprozess und einen Erkenntnisgewinn aus.

Die Fragen, die mir bei der Betrachtung von Fabian Wipperts Bilder durch den Kopf gingen waren u.a. Folgende:
• Wurde von links nach rechts oder von rechts nach links gespiegelt? Eine Frage, die ich nur bei einem Bild wirklich sicher beantworten konnte.
• Sind die beiden Spiegelhälften eigentlich wirklich das Gleiche oder nicht vielmehr ihr komplettes Gegenteil im Sinne einer völligen Umkehrung? Verhalten sie sich also wie „1“ und “-1“?
• Können wir uns eine Welt ohne Spiegelung überhaupt vorstellen? Und wie würde es unsere Selbstwahrnehmung und unser Äußeres verändern, wenn wir es keine Spiegelbilder gäbe?
• Und last but not least: Wer guckt hier eigentlich wen an? Sie werden feststellen, dass sich in vielen Bildern sehr schnell Gesichter erkennen lassen, die einen förmlich anschauen. Ein sehr interessanter Effekt, der über die herkömmliche Kunstbetrachtung hinausgeht, die meist nur in eine Richtung geht (Betrachter betrachtet Bild). Das Gefühl während der Betrachtung selbst betrachtet zu werden, ist im Übrigen auch wieder ein Spiegeleffekt und trügt auch nicht! Denn wie vorhin erläutert, führt die Betrachtung eines Kunstwerks immer auch zu einer Betrachtung seiner selbst. Sie erinnern sich, die Gedanken beim Betrachten eines Bildes sagt oft mehr über den Betrachter als über das Bild selbst aus.

Gleichzeitig nehmen die Arbeiten von Fabian Wippert eine – in meinen Augen – sehr wichtige Rolle von Kunst wahr. Sie rücken ein alltägliches und gerade deshalb sehr wichtiges und kaum noch wahrgenommenes Thema (oder Phänomen) auf ästhetische Wiese in den Mittelpunkt und initiieren hierdurch die Auseinandersetzung mit diesem Thema (oder Phänomen). Hier in diesem konkreten Fall: Spiegelungen. Allein die Frage, wie eine Welt ohne Spiegelbilder aussehen würde, unterstreicht die Alltäglichkeit und Wichtigkeit des Themas in unserem Leben. Spiegel, spiegeln, Spiegelungen… Unser Leben ist – ohne das wir diesem Umstand große Aufmerksamkeiten schenken – voll davon. Ich sag nur Spiegelei ☺ Oder denken Sie nur an die vielen Erzählungen, in denen Spiegel eine Rolle spielen: Alice in Wonderland, Til Eulenspiegel. Schneewittchen oder Narziss. Die letzten beiden übrigens ebenso sehr mit der Thematik der Eitelkeit verbunden wie der Spiegelsaal in Versaille. Spiegel können einen klaren Vergleichsmaßstab liefern, wie etwa Meeres- und Mietspiegel oder aber das ganze Gegenteil bewirken und komplett in die Irre führen wie etwa Spiegelkabinette auf Jahrmärkten oder Fata Morganas, die ja bekanntlich nichts anderes als Luftspiegelungen sind. Man kann mit Spiegeln, im richtigen Winkel platziert, um die Ecke schauen. Rückspiegel erlauben es uns, Dinge zu sehen, die wir hinter uns gelassen haben, es sei denn, sie werden gerade als Schminkspiegel genutzt. Der Grundwasserspiegel beschäftigt nicht nur Ökologen und das Spiegeln ist wichtiger Bestandteil unseres Sozialverhaltens. So spiegeln Menschen beim Flirten die Mimik und Gestik des anderen, um so ihre Sympathie zu bekunden oder halten anderen Menschen den Spiegel vor, indem sie ihr Verhalten nachahmen und hierbei auf Einsicht des Anderen hoffen. Sie sehen, „Spiegel, spiegeln, Spiegelungen“ sind ein alltägliches und breites Feld, so weit, dass sich in einer Ausstellung starke Gegensätze wie etwa „alt vs. modern“ oder „natürlich vs. urban“ problemlos harmonisch zusammenfügen lassen. Was die Arbeiten außerdem auszeichnet ist ihre Entstehung. Die den Arbeiten zugrunde liegenden Fotografien entstanden seit 2007 und wurden zum größten Teil nicht mit der Absicht geschossen, sie später zu spiegeln. Viele waren einfach „nur“ Urlaubsfotos, die das tun sollten, wofür die Fotografie ursprünglich erfunden wurde: Dokumentieren. Dokumentation durch die Spiegelung eines Teilausschnitts der Wirklichkeit, der ein in sich geschlossenes Ganzes darstellt. Nicht umsonst fragt man Fremde, ob sie ein Bild von der gesamten Gruppe schießen können oder lässt Leute sich aneinanderdrängen, damit alles aufs Bild passen. Das Ergebnis soll ein in sich geschlossenes Ganzes sein. Selbst wenn man Details fotografiert, etwa von Gebäuden, so versucht man sie so einzufangen, dass sie auch ohne die Gesamtheit des Gebäudes vollständig wirken und somit ihre Wirkung entfalten können. Fabian Wippert geht jedoch noch einen Schritt weiter. Das fertige Ganze entsteht erst durch die Spiegelung und das Endergebnis hat keinen dokumentarischen Charakter mehr. Im Gegenteil! Aus ursprünglich Konkretem, das quasi selbsterklärend war, entsteht etwas Abstraktes, dass Anlass zur Interpretation gibt. Hierdurch heben sich FWs Arbeiten aus der inflationären Bilderflut wie etwa dem „Selfie-Tsunami“ ab und entfalten ihren künstlerischen Wert. Hinzu kommen eine zeitgemäße Ästhetik, die – für meine Begriffe – sehr gut den Zeitgeist spiegelt und das ästhetische Empfinden unserer Zeit dokumentiert. Und dass obwohl oder gerade weil die Arbeiten durch eine Abkehr vom dokumentarischen Charakter der Fotografie entstanden.